5 Gedanken aus „Factfulness“ von Hans Rosling

5 Gedanken aus „Factfulness“ von Hans Rosling

Selten habe ich ein Buch so verschlungen wie dieses. Innerhalb von zwei Tagen hatte ich das über 300-Seiten-starke Buch durch und es hat mich extrem gefesselt. „Factfulness“ von Hans Rosling* mit den Co-Autoren Anna Rosling Rönnlund und Ola Rosling hat Suchtcharakter. Die Autoren räumen mit den gängigen Weltbildern: „Entwicklungsländer – Industrieländer“ oder „Die Welt wird immer schlechter und dunkler.“ – komplett auf. Die Grundlage bilden die öffentlich zugänglichen Datenbanken der UN – und diese Daten wurden vom Dreiergespann unglaublich gut aufbereitet. Jeder, der in einem vergleichbaren Land wie Deutschland lebt, sollte dieses Buch gelesen haben. Einerseits lässt es einen erahnen wie gut wir es haben und andererseits räumt es mit Vorstellungen über Armut grundlegend auf. Denn Armut ist nicht gleich Armut und die Welt hat sich in den letzten 50 Jahren unfassbar positiv entwickelt – allen Katastrophennachrichten zum Trotz! Warum gerade die letzten 50 Jahre? Nun, unsere Vorstellungen über die weltweite Verteilung von arm und reich, Gesundheit oder Krankheit stammt noch aus den 1960er Jahren und ist entsprechend völlig veraltet. Eine Mission, die sich Hans Rosling jahrelang auf die Fahne geschrieben hat.

Aber es ist nicht nur das. Er beschreibt auch immer wieder sehr gut, wie wir am besten mit Daten umgehen und warum voreilige Schlüsse teilweise tödlich sein können.

1. Vier Einkommensniveaus statt „wir“ und „sie“

Egal welches Medium über Armut berichtet, es wird in aller Regel über Entwicklungsländer und Industrieländer gesprochen (übrigens, die zwei „Standard-ETFs“ teilen die Welt auch so ein). So als ob es nur zwei Gruppen von Einkommensunterschieden geben würde – quasi „arm“ und „reich“ oder „wir“ und „sie“. In „factfulness“ schlagen die Autoren eine andere Einteilung der Einkommenssituation der Weltbevölkerung vor. Es werden vier Einkommensniveaus beschrieben, die die jeweilige Lebenssituation der Menschen viel besser beschreibt. Achtet vor allem auf die Höhe der Einkommen!

Quelle: S. 47 aus Factfulness von Hans Rosling

Beispielhaft seien hier die Stufen 1 und 2 beschrieben:

„Auf Stufe 1 beginnen Sie mit einem Dollar Einkommen pro Tag. Ihre fünf Kinder laufen stundenlang barfuß mit dem einzigen Plastikeimer der Familie umher und holen Wasser aus einem schlammigen Loch, das eine Stunde entfernt ist. Auf dem Heimweg sammeln sie Feuerholz auf, und Sie bereiten den gleichen grauen Haferschleim zu, den die Familie bei jeder Mahlzeit, jeden Tag und das ganze Leben lang isst – außer in jenen Monaten, in denen der kärgliche Boden keine Pflanzen hervorbringt und die Familie hungrig schlafen geht. Eines Tages entwickelt ihre jüngste Tochter einen schrecklichen Husten. Der Rauch von der Feuerstelle im Haus hat ihre Lungen in Mitleidenschaft gezogen. Aufgrund von Geldmangel können Sie sie nicht mit einem Antibiotikum behandeln lassen, und einen Monat später ist sie tot. Das ist extreme Armut. Doch Sie kämpfen weiter ums Überleben. Wenn Sie Glück haben und eine gute Ernte erzielen, können Sie vielleicht einen Teil der überschüssigen Feldfrüchte verkaufen und mehr als zwei Dollar am Tag verdienen, wodurch Sie auf die nächsthöhere Stufe gelangen. Viel Glück! (Ungefähr eine Milliarde Menschen lebt heute auf diese Weise.)

Factfulness, Hans Rosling; S. 48

Stufe 1 beschreibt extreme Armut. Um auf Stufe 2 zu kommen, braucht es absolut gesehen nicht viel mehr Einkommen (relativ gesehen natürlich schon).

„Stufe 2. Sie haben es geschafft. Sie haben Ihr Einkommen vervierfacht und verdienen jetzt vier Dollar am Tag. Drei Dollar mehr jeden Tag. Was tun Sie mit all diesem Geld? Sie können jetzt Nahrungsmittel kaufen, die Sie nicht selbst anbauen. Sie können sich Hühner leisten, was bedeutet, dass Sie Eier haben. Sie sparen ein wenig Geld und kaufen Sandalen für die Kinder, ein Fahrrad und weitere Plastikeimer. Jetzt dauert das Wasserholen nur noch eine halbe Stunde. Sie kaufen einen Gasherd, sodass ihre Kinder die Schule besuchen können, anstatt Holz zu sammeln. Wenn Strom vorhanden ist, können die Kinder ihre Hausaufgaben im Licht einer Glühbirne erledigen. Doch der Strom ist zu unstabil für einen Kühlschrank. Sie sparen auf Matratzen, damit die Familie nicht mehr auf dem Boden schlafen muss. Das Leben hat sich deutlich verbessert, dennoch ist alles ziemlich unsicher. Es braucht nur jemand krank zu werden, und Sie müssen den Großteil Ihrer Besitztümer veräußern, um Medikamente kaufen zu können. Dadurch würden Sie auf Stufe 1 zurückgeworfen.“

Factfulness, Hans Rosling; S. 49

Drei Dollar am Tag mehr machen also einen riesigen Unterschied! Die Probleme, die die Menschen auf den jeweiligen Stufen jeden Tag zu bewältigen haben, sind ganz unterschiedlicher Natur. Daher ist es wichtig, nicht von einer „geteilten“ Welt zu sprechen, sondern sich die vier unterschiedlichen Einkommensstufen bewusst zu machen – den die Lebensbedingungen in den jeweiligen Stufen unterscheiden sich weltweit kaum. Armut ist nicht gleich Armut!

Auch unsere Vorfahren lebten nicht auf Stufe 4, so wie wir! Wir sollten uns unsere Vergangenheit bewusst machen und sie nicht verklären.

„Zu Beginn der Geschichte der Menschheit lebten alle Menschen auf Stufe 1. Mehr als 100 000 Jahre lang schaffte es niemand auf eine höhere Entwicklungsstufe, und die meisten Kinder lebten nicht lange genug, um selbst Eltern zu werden. Noch vor 200 Jahren lebten 85 Prozent der Weltbevölkerung auf Stufe 1, und damit in extremer Armut.

Heute verteilt sich die große Mehrheit der Menschen im mittleren Bereich, über die Entwicklungsstufen 2 und 3, und genießt die gleiche Bandbreite des Lebensstandards wie die Menschen in Westeuropa und in Nordamerika in den 1950er-Jahren. Und dies gilt seit mehreren Jahren.“

Factfulness, Hans Rosling; S. 52

Der Wahnsinn, oder? Aus dieser Perspektive hatte ich die Entwicklung von Wohlstand nie gesehen. Mir war nicht bewusst wie kurz diese Periode eigentlich ist, in der wir eine solche Lebensqualität erreichen konnten.

2. Je mehr Einkommen, desto weniger Kinder.

Ein beliebtes Argument von Gegnern der humanitären Hilfe ist, dass wenn man mehr arme Kinder rettet, wird der Planet durch weitere Überbevölkerung zugrunde gehen. Die Wahrheit ist das Gegenteil. Wenn wir es schaffen die Menschen aus der Einkommensstufe 1 herauszubekommen, wird sich automatisch die Zahl der Kinder verringern.

Quelle: S. 114 aus Factfulness von Hans Rosling

Warum haben Familien in Stufe 1 so viele Kinder? Die Kindersterblichkeit ist hoch und die Kinder werden als Arbeitskräfte benötigt. Beides nimmt ab Stufe 2 dramatisch ab, sodass ab Stufe 2 durchschnittlich nur noch 2,5 Kinder pro Familie existieren – weltweit! (S.108).

Quelle: S.112 aus Factfulness von Hans Rosling

Hier noch ein Video von Hans Rosling bei einem Vortrag über Anzahl der Kinder pro Familie und Lebenserwartung. Die Diagramme sind einfach super spannend!

youtube; verlinkt am 05.04.2021

3. Die Weltbevölkerung wächst einfach unkontrolliert weiter?

Wenn wir Diagramme von der Entwicklung der Weltbevölkerung mit ihrem riesigen Kurvenanstieg sehen, könnte man der Versuchung unterliegen, dass sich dies einfach so fortsetzt.

Heute leben ca. 2 Milliarden Kinder zwischen 0 bis 15 Jahren auf der Welt. Wieviele Kinder werden es schätzungsweise im Jahre 2100 sein?

Genau. 2. Milliarden.

Quelle: S. 107 aus Factfulness von Hans Rosling

In der Grafik spiegelt sich wunderschön wider, dass die weltweite Geburtenrate von 2,5 Kindern pro Familie bereits Rechnung trägt und die Anzahl der Kinder seit ein Jahren nicht mehr weiter ansteigt, sondern bei 2 Milliarden stabil ist.

Die Prognose für die Weltbevölkerung für das Jahr 2100 liegt bei 11 Milliarden Menschen. Das liegt daran, dass die Menschen, die heute Leben einfach älter werden

4. Daten in Relation setzen

Alleinstehende Zahlen bringen uns meistens nicht weiter. Wir brauchen in der Regel einen Bezugsrahmen, um sie besser einordnen zu können. Große Zahlen in den Medien sollen uns meist beeindrucken oder Angst machen – wichtig ist daher die richtige Relation.

„1918 tötete die Spanische Grippe rund 2,7 Prozent der Weltbevölkerung. Die Gefahr des Ausbruchs einer Grippeepidemie, gegen die keine Impfung existiert, bleibt eine ständige Bedrohung, die wir alle ausgesprochen ernst nehmen sollten. In den ersten Monaten des Jahres 2009 starben Tausende Menschen an der Schweinegrippe. Zwei Wochen lang waren die Medien voll davon. Aber anders als bei Ebola 2014 verdoppelte sich die Anzahl der Erkrankungen nicht. (…)Letztlich wurde ich der Hysterie müde und berechnete das Verhältnis zwischen Medienberichten und Todesfällen. Über einen Zeitraum von zwei Wochen waren 31 Menschen an der Schweinegrippe gestorben, und eine Mediensuche in Google ergab 253 442 Artikel über die Krankheit. Das waren 8176 Artikel pro Todesfall. Im gleichen Zeitraum von zwei Wochen waren, wie ich ausrechnete, etwa 63066 Menschen an Tuberkulose (TB) gestorben. (…) Die mediale Beachtung der TB lag bei 0,1 Artikeln pro Todesfall.

Factfulness, Hans Rosling; S. 166

Aber nicht nur das. Der Autor geht einen Schritt weiter und denkt laut darüber nach, wie sich die Welt künftig verändert wird. Wo wird der überwiegende Teil der Weltbevölkerung leben? Was ergeben sich daraus für Schlussfolgerungen für den Weltmarkt?

Der PIN-Code der Welt

In den nächsten Jahrzehnten wird sich die Welt entscheidend verändern. Aktuell leben 4 etwa Milliarden Menschen im asiatischen Raum, hingegen nur je 1 Milliarde in Amerika, Europa und Afrika. Im Jahre 2100 leben 5 Milliarden in Asien, 4 Milliarden in Afrika und je eine Milliarde in Amerika und Europa (PIN-Code 1-1-4-5). Daraus ergeben sich auch Verschiebungen des Weltmarktes. Der wird sich nach Prognosen der UN in den asiatischen Raum verschieben und ab dem Jahre 2040 werden „60 Prozent der Verbraucher auf Stufe 4 außerhalb der westlichen Welt leben“ (S.169).

Quelle: S. 170 aus Factfulness von Hans Rosling

5. Instinkt der Schuldzuweisung

„Der Instinkt der Schuldzuweisung strebt danach, einen klaren und einfachen Grund dafür zu finden, warum etwas Schlimmes passiert ist.“

Factfulness, Hans Rosling; S. 249

Dabei ist es egal, welchen Bereich wir uns dazu anschauen. Wenn wir es uns einfach machen wollen, dann zeigen wir mit den Fingern auf andere, als uns wirklich über die Systeme und die Ursachen Gedanken zu machen. (Aktuelles Reizthema: Covid-19!)

Rosling führt im Buch mehrere Beispiele auf, in denen gern mit dem Finger auf andere Nationen oder Menschengruppen gezeigt wird. Ein Beispiel habe ich herausgegriffen. Es geht um die Flüchtlingskrise im Jahre 2015 und die vermeintlich „bösen“ Schleuser.

„Im Jahre 2015 ertranken 4000 Flüchtlinge beim Versuch, Europa in Schlauchbooten zu erreichen, im Mittelmeer. (…)Vielleicht konnten sie sich den Flug nicht leisten? Aber wir wissen auch, dass die Flüchtlinge 1000 Euro pro Platz in einem Schlauchboot bezahlten. (…) Vielleicht schaffen sie es nicht zum Flughafen? Stimmt auch nicht. Viele von ihnen waren bereits in der Türkei oder im Libanon und hätten kein Problem gehabt, zum Flughafen zu gelangen. Ein Flugticket hätten sie sich leisten können, und freie Plätze hätte es auch gegeben. Aber am Abfertigungsschalter wurden sie nicht durchgelassen. (…) Wegen einer Richtlinie des Europäischen Rats aus dem Jahr 2001, die den Mitgliedsstaaten vorschreibt, was gegen illegale Einwanderung zu tun ist. In dieser Richtlinie steht, dass jede Flug- und Fährgesellschaft, die eine Person ohne ordnungsgemäße Papiere nach Europa bringt, für alle Kosten zur Rückführung dieser Person in ihr Herkunftsland aufkommen muss. Selbstverständlich steht in dieser Richtlinie auch, dass sie nicht für Flüchtlinge gilt, die nach Europa kommen wollen und sich dazu auf ihr Asylrecht gemäß der Genfer Konvention berufen können, (…). Aber dieser Anspruch ist bedeutungslos. Denn wir soll der Angestellte am Abfertigungsschalter innerhalb von 45 Sekunden herausfinden können, ob jemand ein Flüchtling im Sinne der Genfer Konvention ist oder nicht?“

Factfulness, Hans Rosling; S. 257

Bonus: factfulness – Dankbarkeit

In meinem realen Leben bin ich Medizinerin und einige Zitate haben mich sehr traurig gemacht – nicht, dass es mir nicht bekannt wäre, wie Medizin unter einfachsten Begebenheiten aussehen kann, sondern weil ich mir in diesem Moment vorstelle, dass die Ressourcen da wären, um ein Mindestmaß an Medizin bewerkstelligen zu können. Der Autor war in den 1980er Jahren für einige Zeit in Mosambik und war dort für eine Bevölkerung von 300.000 Menschen verantwortlich. Er arbeitete in einer Kinderklinik.

„Wir nahmen jedes Jahr rund 1000 schwer kranke Kinder in das kleine und einzige Krankenhaus des Distrikts auf, also etwa drei pro Tag. Ich werde nie vergessen, wie ich versuchte, das Leben dieser Kinder zu retten. Alle litten sie unter schweren Krankheiten wie Diarrhö, Lungenentzündung und Malaria, oftmals zusätzlich erschwert durch Anämie und Fehl- oder Unterernährung, und trotz aller Bemühungen starb etwa jedes 20. dieser Kinder, also etwa eines pro Woche. Dabei hätten wir fast alle heilen können, wenn wir mit Material und Personal besser ausgestattet gewesen wären.

Wir konnten lediglich einfachste Versorgung gewährleisten: Salzlösungen, intramuskuläre Injektionen. Noch nicht einmal einen intravenösen Tropf konnten wir legen: Die Krankenschwestern besaßen nicht die Ausbildung dafür, und die Ärzte wären mit dem Anbringen und Überwachen dieser Infusionen zeitlich überlastet gewesen. Wir hatten nur selten Sauerstofftanks zur Verfügung und auch nur begrenzte Kapazitäten für Bluttransfusionen. So sieht Medizin in extremer Armut aus.“

Factfulness, Hans Rosling; S. 156

Wir sollten extrem dankbar sein für unsere medizinische Versorgung.

Wenn es uns schlecht geht, können wir jederzeit zu einem Arzt. Notfälle werden sofort behandelt. Wir müssen nicht stundenlang laufen, bis wir zu einer Apotheke kommen. Viele unsere Medikamente werden von unserer Krankenkasse bezahlt und wir müssen eben nicht unseren halben Hausrat verkaufen, um ein Antibiotikum zu erwerben. Es geht uns wahnsinnig gut und sollten sehr dankbar dafür sein.

Er gibt noch einen Rat mit auf den Weg, wie man die gesundheitliche Situation der Kinder in den Ländern der Stufe 1 und 2 verbessern kann:

„Wenn Sie also Geld in eine bessere Gesundheitsvorsorge in Ländern auf Stufe 1 und 2 investieren wollen, stecken Sie es in die Finanzierung von Schulen, in die Ausbildung von Krankenschwestern, in Impfungen.“

Factfulness, Hans Rosling; S. 161

Fazit zu „Factfulness“ von Hans Rosling

Unbedingt lesen!

Mehr brauche ich nicht schreiben. Es ist eine MUSS-Lektüre. Ich habe dieses Buch verschlungen und ich bin schwer begeistert davon.

Wenn du es dir kaufen möchtest, kannst du es gern über den folgenden Link tun „Factfulness“ von Hans Rosling*.

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LG und viel Spaß beim Lesen

Anna

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